20. Dezember: Und Engel gibt es doch nicht mehr

20 Dez

Und zu guter Letzt: Ein Auschnitt aus der Weihnachtsgeschichte der Dritten im Bunde, Monika Schuster. Ein kleines Stück über Engel. Und das “Was wäre wenn”.

Am Viktualienmarkt saß zur Weihnachtszeit ein Kind auf einer Bank im Engelskostüm. Es hielt ein Schild hoch, auf dem stand „Dagegen“ am ersten Tag. Im Verlauf des Tages gesellten sich einige generell unzufriedene Leute hinzu, des weiteren Pessimisten, Im-Gestern-Lebende, Jugendliche, Studenten, Kritiker, Philosophen und so manch anderer Mensch und alternativ denkende Personen hinzu. Sie blieben sitzen, selbst als die Nacht kam, denn merkwürdigerweise wurde keinem kalt und dunkel wurde es zwar schon, aber über der Bank wo das Kind saß, leuchtete eine Straßenlaterne matt und das passte dann schon. Wer schlafen wollte schlief, während die anderen ihre Gespräche fortführten oder einfach im vermeintlichen Streik glückselig dasaßen.

Am nächsten Morgen wunderten sich die Verkäufer des Viktualienmarktes, die zu ihren Ständen unterwegs waren, schon ein bisschen über die kleine, versammelt dasitzende Gruppe. Nachdem viele sich aber bei ihnen etwas zum Frühstücken gekauft hatten, hatte man sich bereits an sie gewöhnt und als Kundschaft akquiriert. Gegen Mittag waren alle wieder aufgewacht und verfolgten interessiert Diskussionen, sprachen miteinander, lernten die Menschen um sich herum besser kennen, so dass es keinem auffiel, dass das Kind zwar immer noch ein Schild hoch hielt, jetzt aber mit der Aufschrift „Einer für alle und alle für einen“.

So mancher der einst „Die drei Musketiere“ gelesen oder gesehen hatte, nahm Platz im Kreis der Streikenden, des Weiteren Soziologen, Menschen die nach der ersten Satzhälfte lebten „Einer für alle“ oder von der zweiten Satzaussage „Alle für Einen“finanziert wurden. Verehrer von Comichelden ließen sich auch nieder, sowie Helden, Antihelden und Alltagshelden. Saßen die Neuen auch nicht im innersten Kreis, so fanden sich dennoch viele Schnittpunkte in den Gesprächen. Man setzte sich um, tauschte sich aus, mischte sich durch. Am Abend konnte man nicht mehr erkennen, wer vom ersten Tag war und wer vom zweiten.

Die Sitzstreikgruppe hatte mittlerweile eine solche Aufmerksamkeit erregt, dass Journalisten, Blogger und Meinungsforscher sie versuchten über ihre Beweggründe auszufragen. Möglicherweise haben sie die benötigte Information auch erhalten, aber konsequenterweise blieben die Fragenden einmal von der Motivation und dem Gemeinschaftsgeist der Befragten angesteckt auch gleich sitzen. Nur von ein Paar Journalisten mit Abgabeschluss drang eine Notiz an die Außenwelt: „Bin auf Recherche“. Manche waren sogar so weise hinzuzufügen: „Es könnte etwas länger dauern“ (…)

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