19. Dezember: Beobachtungen aus dem letzten Eck

19 Dez

Dieser Auszug stammt aus einer Erzählung, die auf der Gasteig-Weihnachtslesung am 12.12. ihre Premiere feierte. Sie umfasst den Zeitraum vom 23. Dezember bis 24. Dezember in dem sich gar schröcklich Kurioses ereignete. Doch lest, was ein Augenzeuge berichtet:

23.Dezember:

Ach, also nein, jedes Jahr der gleiche Zirkus!
„Dieses Mal werden Tobi und Maja vom guten Weihnachtsmann beschenkt!“ brüllt der mopsige Kerl, Onkel Frieder nennen sie den und zieht so einen zerknitterten, roten Fetzen aus seinem Rucksack. „Der ist doch viel lustiger und redet mit den Kleinen im Gegensatz zu deinem bescheuerten Christkind!“
Und dann plärrt die Oma los: „Mir san in Bayern, do kummt as Christkindl! Des is’ letztes Jahr auch gekommen! Weihnachtsmann, a so a Schmarrn!“
Ehrlich, JEDES verdammte Jahr – ständig dasselbe Gezetere, wer jetzt wie die verwöhnten Blagen am besten beschenkt. Und ich liege hier herum und muss mir das wieder und wieder aufs Neue antun.
„Kannst ja einfach gehen!“, schlagen Sie mir vor? Ja, ja, können ist gut. Kann ich eben nicht! Ich muss schön bleiben, schließlich bin ich die Hauptperson! Aber denken Sie, das interessiert noch wen? Im letzten Eck steht meine Krippe, auf dem Kachelofen und kein Schwein denkt dran, dass ich vielleicht mal neues Stroh kriegen könnte! 20 Jahre liege ich jetzt schon im gleichen blöden Stroh – oder besser dem, was noch davon übrig ist. Und die Windeln wechselt mir auch keiner! Neeeein, neeein, das Jesuskind hat das ja nicht nötig. Hey, ich bin ein Baby! Na gut, ein zwei Zentimeter großes Baby und aus Holz noch dazu, aber es geht doch hier ums Prinzip. Vor allem, weil meine jetzige Windel voller Hundesabber ist. Ja, Sie haben schon richtig gehört, Hundesabber. Ich wartete da ganz unschuldig auf dem Boden, zusammen mit allen anderen, frisch aus dem Karton geholt und aus dem Zeitungspapier gewickelt, da seh’ ich es ankommen, das Riesenvieh, und der Geifer tropft ihm nur so aus dem Maul.
Ich noch so zu dem wolligen Schaf neben mir: „Mensch Schaf, das könnt jetzt gefährlich w …“
Und prompt wurde es dunkel um mich und verdammt feucht. Gerade finde ich mich mit dem Gedanken ab, in einem Hundemagen sterben zu müssen, da macht’s auf einmal einen Ruck und ich werd’ geschüttelt, weil das Hundemaul geschüttelt wird: „Böser Hund, böser Hund!“ ruft der Vater von Tobi und Maja und ich und das Schaf plumpsen zurück auf den Boden.
Ich habe nur einen Zahnabdruck am Kopf, fällt gar nicht so auf, das Schaf aber hat es schlimmer erwischt. Das war auf einmal überhaupt nicht mehr wollig sondern nur noch ein nacktes Holzklötzchen mit Augen. Sie haben’s dann weggeschmissen, das arme Schaf. Und sowas am Fest der Liebe.
Moment, gerade tut sich was! Die Oma schreit: „Die Kinder hom doch Angst vor dem Weihnachtsmann! Des beweis i da gleich!“
Und dann grapscht sie nach dem Rauschebart, hängt ihn sich vors Gesicht und rennt aus dem Raum. Die anderen ihr nach, mehr krieg ich nicht mit – letztes Eck und Kachelofen, Sie wissen schon.
Aber ich hör was: Ein krächzendes ‚Hohoho’, lautes, ängstliches Kindergeplärre.
Und der Vater: „Das ist doch nur die Oma“, sagt er, „die wollte lustig sein! Die wusste nicht, dass ihr schon schlaft!“ Ich lache still in mich rein, stell mir bildlich vor, wie die Alte mit dem Bart im Gesicht ins Zimmer stürzt und die Kleinen wachen auf und gucken recht dumm mit aufgerissenen Kinderäuglein.
Mehr kann ich jetzt gar nicht sagen, bin auf einmal ganz schrecklich müde, ich war eh viel zu lang auf, neugeboren wie ich bin in meiner harten, unbequemen Kri … …

24. Dezember:
(…)

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