Leo-Day: Lonja

11 Aug

Er saß auf den Treppenstufen und schaute den Möwen nach, die hier zum Überwintern herzogen. Sommers auf Sylt, den Winter über hier. Kein schlechtes Leben, sowas. Lonja betrachtete den Hafen, lauschte dem Meer und spürte auf seinen Lippen schon den salzigen Geschmack, der mit der Zeit vom Wasser herübergetragen wurde. Zeit für etwas Süßes. Er packte die Kirschquallen aus, die in der schwarzen Tasche lagen. Überhaupt hatte er es schon viel zu lange versäumt, etwas zu essen, so wie ihn seine Grübeleien festhielten. “Ein Kaffee wäre jetzt auch schön,” dachte er. Aber da keiner in Sicht war, musste er sich die Kirschquallen zunächst trocken vorknöpfen.

“Wenn das Pferd nicht gewesen wäre…” Es hatte ihn völlig aus dem Konzept gebracht. Und nun fürchtete er ein wenig um sein Leben, seit Stunden auf der Treppe sitzend. “Wenn das Pferd nicht gewesen wäre, wäre ich nie zur Uni gegangen.” “Sowas kann man doch nicht einfach sagen und dann einfach weitergehen,” verfluchte er in Gedanken die Passantin, die ihm diesen Floh ins Ohr gesetzt hatte. Niemand, der jemals eine Uni besucht hat, würde so etwas Dummes sagen. Niemand würde einem Pferd zuliebe studieren. Lonja spürte bereits, wie sich irgendwo in seinem gemarterten Gehirn ein kleines Aneurysma bildete und wild zu pochern begann und schneller pocherte und nicht aufhörte, bevor Lonja eine Antwort finden würde. “Wenn das Pferd nicht gewesen wäre…”

Am Fuße der Treppe sah er einen Kiosk auf Rädern anhalten. Endlich, eine Kaffeequelle. Vielleicht klarte eine Tasse Kaffee ja Lonjas Gedanken auf. Er packte seinen zur Hälfte gegessenen Kuchen ein und suchte nach einem Geländer, um sich von den flachen Stufen hochzuwuchten. In diesem Moment schoss aus der Menge hinter ihm ein Kinderwagen die Treppe entlang. “Ah, prima, ein Griff.” Lonja, der Held, stoppte den Kinderwagen samt Inhalt vor dem sicheren Tod, schaute sich nochmal um ob er nichts vergessen hätte und verschwand in der Menge auf dem Weg zum Kaffee.

Comments are closed.