Auszug: Entgiftung.

1 Aug

Es fehlt ihr doch nur der Blick für das Wesentliche. Kein Wunder. Vanessa ist eine weitere verdammte Frau der Generation „Jenseits von Afrika“, flatterhaft und nie „angekommen“ und Schmidt hätte sich das denken können, seit ihrer ersten Verabredung. „Kramer gegen Kramer“ hatten sie geschaut, in diesem Kino, das so romantisch war und eben darum schon lange geschlossen ist. Und Vanessa fand, Meryl Streep hätte das Sorgerecht bekommen sollen. Eine Meinung, mit der sie sehr alleine dastand, moralisch und juristisch sowieso. Aber damals fand Schmidt ihre Art noch neckisch, niedlich irgendwie. Heiratete dieses putzige Wesen, das ihm so charmant ins Ohr hauchen konnte, sie sei unsterblich in ihn verliebt. Wieder so ein Patzer von ihr. Wenn man unsterblich verliebt ist – und zu seinem Wort steht! – heißt das schließlich, dass die Liebe sogar mit dem Tod nicht aufhört. Und nicht, dass man die eigene Ehe für den nächstbesten Adonis aufs Spiel setzt. Und das nach allem was er für sie getan hatte.

Und er hatte viel getan. Drei Kinder in zehn Jahren hatte er ihr geschenkt. Ein schönes Haus, das sie ganz nach ihrem Geschmack einrichten durfte. Einen kleinen Sportwagen für sie, einen Kombi für Familienausflüge. Und die vielen, vielen Einzelabbuchungen von seiner Kreditkarte in einer Menge, wie Adonis sie ihr sicher nie hätte bieten können. Es war ja alles gut, nein, es war perfekt.

Und trotzdem fand Vanessa immer etwas zu nörgeln. Als man die Gartenhecke nicht mehr akkurater hätte schneiden können und selbst das weniger begabte Kind die perfekte Sonderschule gefunden hatte, begann sie eines Tages über Seitenstiche zu klagen. Seitenstiche. Darüber darf man vielleicht noch als Teilnehmer der Bundesjugendspiele jammern. Aber ein Erwachsener Mensch, da stimmt Schmidt doch sicher jeder zu, klagt nicht ernsthaft über Seitenstiche. Aber gut. Madame hat Seitenstiche. Madame möchte keine Einkäufe mehr tragen. Madame möchte sich über Mittag zum Schönheitsschlaf hinlegen. Es sollte ihm recht sein. Madame hat eine Blasenentzündung. Er hat ihr sogar Tee gekocht, bevor er morgens in die Klinik fuhr. Madame hat eine Nierenbeckenentzündung. Soll sie eben etwas Wärmeres anziehen, hat er ihr schon so oft gesagt.

Er wünscht sich ja nicht, dass sie damals ihre Niereninsuffizienz nicht überlebt hätte. Aber seien wir ehrlich, es hätte den Kindern und auch Schmidt selbst eine Menge erspart. Sie hätte einfach nie diesem Pfleger begegnen dürfen, ihrem Adonis, dann wäre alles gut geblieben. Nicht perfekt, aber gut. Und er müsste nun nichts zurückfordern. So wie sie ihm mit einem Augenblick alles nahm, was ihnen die Jahre gegeben hatten. Er will das Haus. Und die Kinder natürlich, denn, seien wir ehrlich, so eine kapriziöse Mutter kann sich ja nur negativ auf die Erziehung auswirken. Und er will seinen Kombi und er will den Ring seiner Mutter wiederhaben. Und er will seine Niere zurück.
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