Auszug – Enten und Phobien

30 Jul


Katrin Baumer liest “Enten und Phobien”
im Rahmen der Lesereihe “Kellergeister”
im Lyrikkabinett.
(Januar 2010; Foto: Dorin Popa)

(…) Einer aus meiner Therapiegruppe hat Angst davor,  in einer bestimmten Situation von einer Ente beobachtet zu werden. Der Therapeut schlug ihm vor, jeden Sonntag Entenbraten zu essen, so quasi als Sieg über die Ente. Der Braten hat auch keinen Kopf mehr und somit keine Augen, die Werner, so heißt mein Therapiepartner, anstarren könnten.Die nächste Sitzung allerdings bestritt Werner zitternd und blass, ein wenig zerzaust – man merkte ihm an, dass er Fürchterliches erlitten haben musste. Als der Therapeut ihn fragte, wie es denn funktionieren würde mit dem Entenbraten, brach er in Tränen aus.

Seine Frau habe, erzählte er mit bebender Stimme, in der Küche den Braten vorbereitet und er sei dazu gekommen, um sich das Ganze anzusehen, um sich von dem nicht vorhandenen Kopf und den nicht vorhandenen Augen der Ente zu überzeugen.

Er habe beobachtet, wie seine Frau Äpfel und Zwiebeln in den gerupften Körper stopfte und wie sich der Bürzel dabei hob und senkte, fast, als würde die Ente freundlich damit wedeln. Da habe er sich bildlich vorgestellt, wie sie aufspringt, auf ihn zu rennt und ihn dann eben ohne Kopf und Augen anstarrt. Das sei noch tausendmal schlimmer gewesen als sonst!

Werners letzte Worte gingen in wildem Schluchzen unter. Und vielleicht hätte er auch noch hyperventiliert,  wenn ihn nicht der Therapeut sanft am Arm genommen und hinausgeführt hätte (…)

Auszug aus: “Enten und Phobien”

Comments are closed.